Die Regenfront war schon am Morgen sichtbar. Nicht der Typ Regen, der sich noch entscheidet — der Typ, der bereits entschieden hat und nur noch auf seine Uhr schaut.
Wir sind trotzdem nach Seewis gefahren.
Der Vilan ist einer jener Berge, bei dem der Entscheid «gehen oder nicht gehen» mehr verrät als die Antwort. Wer abbricht, lernt die Wetterlogik. Wer geht, lernt den Berg. Wir wollten den Berg.
Der Aufstieg
Seewis im Prättigau liegt auf 850 Metern und ist das Dorf, das man durchfährt, ohne stehenzubleiben — ausser man weiss, was dahinter liegt. Der Aufstieg beginnt am Ortsrand, geht durch offene Wiesen, steigt dann über kurze Waldgürtel auf. Der Weg wechselt zweimal die Alpenstrasse. Beim zweiten Mal geht es rechts auf den Ostkamm.
Auf 1'500 Metern beginnt das, was man als «offen» bezeichnet: der Hang weitet sich, der Blick geht Richtung Rätikon, und die Prättigauer Seite zeigt sich ohne Vorwarnung in ihrer vollen Breite. Klosters im Osten, Grüsch im Norden, das Tal dazwischen wie eine Falte im Gelände.
Auf 1'893 Metern liegen die Hütten der Sadreinegg. Wir haben dort eine kurze Pause gemacht — nicht weil wir mussten, sondern weil die Wolken genau in diesem Moment aufrissen und für acht Minuten die Sonne auf die nasse Wiese schien. Das zählt als gutes Vorzeichen. Rückblickend: war es keines.
Der Gipfel auf 2'376 Metern trägt ein Skiday-Kreuz und eine Aussichtsbank. An guten Tagen: Rheintal, Churfirsten, Piz Bernina, Silvretta. An diesem Tag: Nebel ab 2'000 Metern und ein Wind, der nicht wusste, wohin er wollte.
Hike & Fly: Was das Wetter aus dem Plan macht
Der Vilan ist für Hike & Fly ein klassisches Prättigauer Ziel. Der Grat bietet bei Nordwind saubere Startbedingungen auf der Ostseite, und der Flug ins Seewiser Tal oder Richtung Grüsch ist kurz, klar und ohne grosse Entscheidungen. Das ist der Idealfall.
Der Realfall an jenem Tag in Oktober: querende Strömung, Sicht unter 200 Metern auf dem Gipfel, und ein Schirm, der am Rücken blieb.
Nicht-Fliegen ist keine Niederlage. Es ist ein Entscheid. Wer das einmal wirklich versteht — dass das Schleppen des Schirms auf 2'376 Meter und das anschliessende Runtergehen zu Fuss dasselbe Resultat hat wie das Fliegen, nur mit besserem Gewissen — hat einen wichtigen Teil von Hike & Fly verstanden.
Was der Vilan über Gleitschirmfliegen lehrt
Ein Schirm mit Gurt und Rettungsschirm wiegt zwischen 5 und 8 Kilogramm. Das ist kein Gewicht, das dich umbringt. Es ist ein Gewicht, das nach zwei Stunden Aufstieg die Schulterblätter zieht und nach drei Stunden die Abwägung «lohnt sich das?» auslöst.
Die Antwort auf diese Frage ist nicht ein Gewicht oder eine Höhe. Sie ist eine Windrichtung, eine Windgeschwindigkeit, eine Wolkenbasis und ein Startplatz. Wenn alle vier stimmen: ja. Wenn nicht: du trägst den Schirm auf dem Rücken nach unten, und das ist trotzdem die richtige Entscheidung.
An jenem Oktobertag war die Antwort nein. Die Wolkenbasis lag bei 1'900 Metern, der Startplatz bei 2'300 Metern. Wir haben auf dem Gipfel gesessen, Brot gegessen, und zugehört wie der Wind um das Kreuz pfiff.
Dann sind wir abgestiegen.
Wann der Vilan fliegt
Beste Bedingungen: Mai bis September, bei stabiler Südströmung oder Nordföhn im Abklingen. Der Startplatz auf dem Grat funktioniert am besten bei Nordwind — gleichmässig, ohne Rotor, mit ausreichend Auslegebereich auf der Ostseite. Thermik baut ab 10 Uhr auf, das Fenster schliesst sich um 14 Uhr, wenn die Konvektion über dem Rätikon zu stark wird.
Für Hike & Fly auf dem Vilan gilt: Doppelte Aufstiegszeit gegenüber einer normalen Wanderung, weil der Schirm das Tempo bestimmt. Wer früh startet und gut einschätzen kann, hat die besten Chancen. Wer auf den idealen Tag wartet — kommt oft zu spät.
Der Regen an jenem Oktober-Tag war übrigens vier Stunden nach dem Abstieg angekommen. Timing.

