Das Geld war auch gegen Ende der Woche schon aufgebraucht. Wir haben auf dem Balkon des Beráin gegessen, was noch in den Rucksäcken war, und die letzten Pisten bis 16:30 Uhr gefahren wie Leute, die nichts zu verlieren haben. Was wir hatten, war Zeit. Und Motta Naluns.
Das war 2004. Erstes Studienjahr, erste Semesterferien, erster Winter mit einem echten Board und der Bereitschaft, schlechten Schnee als „Charakter“ zu bezeichnen. Scuol im März hat beides gegeben: die guten Tage und die ande-ren, auf denen der Funpark auf Hartschnee komprimiert war und das Beste, was du machen konntest, zwei Kurvsätze auf der Blauen war.
Aber der Salaniva-Hang. Der war immer da.
Was der Salaniva-Hang mit dir macht
Der Berg Salaniva liegt auf 2'710 Metern ganz im Osten des Skigebiets. Die Abfahrt nach Sent auf 1'430 Metern überbrückt 1'280 Höhenmeter in einem Zug. Das ist keine Traumpiste im Marketing-Sinn. Das ist einfach ein langer, gleichmässig steiler Nordhang, der spät in die Nachmittagssonne dreht und deshalb länger als alle anderen in Pulverqualität bleibt.
Als Anfänger fährst du den Salaniva und denkst: so soll das also sein. Als halbwegs-Fortgeschrittener fährst du ihn und weisst, was du noch nicht kannst. Beides ist die richtige Antwort.
Wir sind in jenem ersten Jahr dreimal täglich vom Salaniva runtergekommen. Nicht weil wir es geplant hätten. Einfach weil wir immer wieder oben waren.
Der Funpark der nicht täuschenh will
Der Snowpark in Motta Naluns war 2004 kleiner als heute, aber er war ehrlich: Wenn du keine Ah-nung hattest, ist die Box geblieben. Wenn du Ansatz hattest, hat die Box erklärt, was du noch lernst.
Wir haben zwei Tage im Park verbracht. Einer von uns hat eine kleine Rails-Session gefahren und sich am dritten Versuch die Schulter verdreht. Nicht schlimm. Genug, um den Rest der Woche ohne Risikobereitschaft abzufahren — was auch eine Art ist, Scuol kennenzulernen: langsam, mit Aussicht, und mit einer Schulter, die sich bei Rücklagen an ihre Grenzen erinnert.
Was Scuol war und bleibt
Das Unterengadin hat eine eigene Sprache — Rätoromanisch, Lädin-Dialekt, mit dem Deutschen und Deutschen-Touristen als Normalität. Der Ort Scuol ist kein Skiressort-Dorf. Er hat ein altes Zentrum, eine Fussgängerzone, Brotläden und einen Brunnen, der seit Jahrhunderten da steht.
Das lernt man erst am letzten Abend richtig. Wenn das Geld weg ist und die Ski im Keller stehen und man einfach durch das Dorf läuft und merkt, dass es mehr ist als das Skigebiet darüber.
Wir sind seither jedes Jahr wieder. Nicht für den Park, nicht für den Salaniva allein. Sondern weil Scuol eines jener seltenen Gebiete ist, die jedes Mal mehr hergeben als das letzte Mal. Das Skigebiet wird grösser. Wir kennen es besser. Der Rest gleicht sich aus.

