Das Skigebiet war noch nicht bereit. Wir waren es schon.

Das ist die Grundspannung jedes Saisonopening: Man ist trainiert, ausgeruhrt, mit Wachsbox unter dem Arm und Erwartungen, die den Herbst überlebt haben. Das Pistenfahrzeug ist noch unterwegs. Die Liftanlage macht Probefahrten. Und der erste Schnee liegt frisch und meistens zu wenig genau dort, wo man ihn nicht braucht.

2012 war das anders. Der November hatte Schnee gebracht — nicht zu wenig, sondern so viel, dass Lenzerheide die Lifts eine Woche früher als geplant öffnete und die ersten Bilder aus der Gegend aussahen wie Mitte Januar.

Was Lenzerheide im November ist

Lenzerheide liegt auf 1'450 Metern, zwischen Chur und dem Oberalppass, und hat eine Besonderheit: das Skigebiet ist Rundum-exponiert. Südhang, Nordhang, Osthang — je nach Witterung ist immer eine Seite fahrbar, selbst wenn andere Gebiete schon schliessen.

Der Scalottas auf 2'647 Metern ist das höchste Punkt. Von dort gibt es Abfahrten in alle Richtungen — Richtung Valbella, Richtung Lenzerheide-Dorf, Richtung Churwalden. Das ist keine Marketingaussage. Das ist die Topographie.

Im November, wenn der erste Schnee liegt, sind die unteren Pisten noch nicht öffentlich. Du fährst auf den oberen Teilen, dort wo der Schnee liegt, und die Piste unter dir ist weiss und schmal und fast menschenleer. Das ist der einzige Moment im Skijahr, an dem ein Skigebiet sich gehört — ohne über das Tempo des Vormanns nachzudenken.

Der erste Schwung der Saison

Der erste Schwung nach acht Monaten Pause fühlt sich nie so an, wie man es erwartet. Das Snowboard liegt unter den Füssen anders als in der Erinnerung. Die Bindung ist neu eingestellt, die Schuhe sind noch steif, und der erste Hang entscheidet, ob die Saison gut beginnt oder ob man die nächsten zwei Tage damit verbringt, sich wieder einzufahren.

2012 in Lenzerheide war das Einfahren schneller als üblich. Der Neuschnee war tief genug, dass Fehler soft landeten, und die leeren Pisten gaben den Raum, die ersten Zögerer in den Kurven aufzufangen.

Nach etwa einer Stunde war das Gefühl zurück. Das ist keine Bescheidenheit — das ist die ehrliche Physiologie von Wintersport: Das motorische Gedächtnis ist noch da, es braucht nur ein paar Schwings um wieder online zu gehen. Danach geht alles schneller als man dachte.

Was früher Schnee mit einem Skigebiet macht

Guter Novemberschnee ist für ein Skigebiet wie ein gutes erstes Kapitel für ein Buch. Die Saison hat Fahrt aufgenommen. Hotelanmeldungen kommen früher. Skischulbuchungen füllen sich. Und die Stammgäste — die, die seit zehn Jahren dasselbe Wochenende im Dezember buchen — ärgern sich, dass sie nicht schon im November gebucht hatten.

In Lenzerheide war das 2012 spürbar. Die Lifts liefen, aber das Dorfleben war noch auf Vorjahresmodus — manche Restaurants hatten noch gar nicht aufgemacht, und der groäere Parkplatz war leer ausser den Fahrzeugen von Leuten, die den Newsletter gelesen hatten.

Das ist der Wert eines frühen Saisonstarts: du bekommst das Gebiet, bevor das Gebiet weiä, dass die Saison begonnen hat.

Lenzerheide: Was es vom Rest unterscheidet

Lenzerheide ist seit einigen Jahren verbunden mit Valbella und Arosa — über das Skigebiet Arosa Lenzerheide, das mit 225 Pistenkilometern zu den grössten der Schweiz gehört. Die Verbindung läuft über den Urdenfurggu-Pass, und wer das zum ersten Mal fährt, begreift, wie das Panorama zwischen Churer Rheintal im Norden und dem Bündner Oberland im Westen auf einer einzigen Tageskarte zusammen passt.

Im November 2012 war diese Verbindung noch nicht vollständig geöffnet. Wir haben das Lenzerheide-Kerngebiet gefahren, und das hat für drei Tage vollständig gereicht. Man braucht nicht 225 Kilometer, wenn die Pisten leer sind und der Schnee gut.

Das ist eine Lektion, die Lenzerheide auch ohne Frühschneebonus lehrt: mehr ist nicht immer besser. Besser ist besser.

Highlight

Lenzerheide, Kanton Graubünden, 90 Minuten ab Zürich. Skigebiet jetzt verbunden mit Arosa (225 Pistenkilometer). Saisonstart üblicherweise Mitte Dezember, bei guten Schneejahren November. Höchster Punkt Scalottas auf 2'647 Metern. Anreise mit dem Zug bis Chur, dann Bus. Früher Saisonstart bedeutet: mehr Platz, weniger Betrieb, schlechteres Restaurantangebot. Das ist ein Austausch, den man kennen sollte.