Die erste Gondel von Reischach zur Faneshutte hat nicht auf uns gewartet. Wir waren zu zweit auf dem Parkplatz, die anderen schon oben, und das war der erste Moment an dem wir verstanden haben, dass der Dolomiti Freeride kein Spaziergang ist.
Das war die Tour von Bruneck nach Agordo, sechs Tage durch das Herz der Dolomiten, ein Klassikers unter Alpine-Bikern der selten in touristischen Programmen auftaucht weil er zu lang, zu technisch und zu wenig instagram-kompatibel ist, wenn die Seilbahn nicht wartet.
Die Dolomiten sind UNESCO-Welterbe. Das weisst du spätestens nach dem dritten Tag, wenn du auf 2'400 Metern Gipfeln hängst, unter dir Felswände aus Triaskalk, rechts die Drei Zinnen, links der Pordoijoch-Kamm, und du denkst: ich fahre gerade durch ein Museum. Ein sehr grosses Museum. Mit Trails.
Warum die Dolomiten anders fahren
Dolomitenkalk ist nicht Schweizer Kalk. Er ist körniger, weniger rutschig in trockenem Zustand, und in nassem Zustand so glatt wie polierter Marmor. Diese Unterscheidung ist relevant, weil das Wetter in den Dolomiten im Juni so stabil ist wie ein Studentenbudget im März: meistens in Ordnung, aber gelegentlich aus dem Nichts kollabierende.
Am vierten Tag hat es geregnet. Nicht kurz. Genug, um die Holzstämme auf dem Forstweg über Arabba so rutschig zu machen, dass wir die letzten 600 Höhenmeter schieben statt fahren mussten. Das ist Hike-a-bike, und es ist keine Niederlage — es ist das, was die Tour von einem Singleday-Ausflug unterscheidet.
Die Route Tag für Tag
Tag 1 startet in Reischach bei Bruneck, nimmt die Gondel zur Faneshutte auf rund 2'000 Meter, und führt durch das Fanestal Richtung Arabba. Das Fanestal ist ein Hochtal das sich langsam absenkt, mit Blick auf die Geisslerspitzen im Westen und die Ampezzaner Dolomiten im Osten. Das ist der sanfte Einstieg, und selbst der ist nicht flach.
Tag 2: Arabba nach Alleghe, über den Pordoi. Der Pordoijoch liegt auf 2'239 Metern, und wer die Pordoiserpentinen hochfährt weiä spätestens oben, warum der Giro d'Italia hier endet und nicht beginnt.
Tag 3: Alleghe nach Agordo. Der Monte Civetta kommt näher. Die Trails auf der Südseite sind breiter, wärmer, mit mehr Exposition. Der Civetta ist einer der großten senkrechten Felswände Europas — fast 1'000 Meter Nordwestwand. Du siehst ihn von jedem Punkt dieser Etappe aus. Du weisst sofort, warum er so heisst: Eule. Er schaut dich an.
Tage 4–6: Agordo Schleife und Rückführung Richtung Bruneck, mit dem Forstweg-Tag wo es geregnet hat, einer Bergrestaurant-Pause die eigentlich zehn Minuten und am Ende zwei Stunden gedauert hat, und dem letzten Tag wo alle zu müde für Tempo waren und langsam gefahren sind und das die beste Abfahrt der Woche war.
Was du mitbringen musst
Technisches Fahrvermögen für Wurzeln, Steine und enge Kurven auf nassem Untergrund. Ein Bike, das 6 Tage hält ohne Wartung. Bremsen, die noch am letzten Tag Reserven haben. Trailschuhe die auch Hike-a-bike können.
Und die Bereitschaft, dass eine Gondel nicht auf dich wartet. Denn die Dolomiten tun das nicht. Sie sind einfach da und fahren los.

