Wir haben drei Stunden lang niemanden getroffen. Nicht am Trail, nicht an der Kreuzung, nicht an der Alphütte wo die Tür offen war und ein Hund auf der Schwelle schlief.

Das Val Müstair liegt im äussersten Süden von Graubünden, als enger Korridor zwischen dem Engadin und der Grenze zu Südtirol, geschützt vom Schweizerischen Nationalpark im Westen. Der Flecken Geografie, der aus sechs Gemeinden und einem politischen Zusammenschluss von 2009 besteht — Fuldera, Lü, Müstair, Santa Maria, Tschierv, Valchava — ist genau das, was das Engadin nicht mehr ist: unbeschriftet.

Das Netz: 150 Bikekilometer. Das erschlossen durch Postautohaltestellen, die das Gelände lükenlos abdecken. Du fährst eine Abfahrt runter, nimmst das Postauto wieder hoch, fährst die nächste. Kein Shuttle, kein App-Buchungssystem. Eine Fahrkarte.

Was die Trails tun

Alte Alpstrassen die sich in Singletrack gewandelt haben. Forstrouten die an der Grenze zum Nationalpark enden, wo kein Bike weiterfahren darf und du umdrehst und ein anderes Tal nimmst. Weidepfade durch Almwiesen mit Soldanellen und Arvenbestand, wo der Trail breiter als ein Fuss kaum je wird.

Die Pässe in Richtung Südtirol — Umbrailpass, Reschen — sind Asphaltvarianten, die man entweder fährt oder lässt. Wir haben sie gelassen. Der Grund: der Singletrack auf der Nordseite des Val Müstair, der von Tschierv abfällt, hat uns zwei Stunden beschäftigt, von denen die ersten zwanzig Minuten mit zu viel Speed und die letzten vierzig Minuten mit dem richtigen Tempo verbracht wurden.

Das ist der Lernrhythmus im Val Müstair. Nicht ein Trail der dich führt, sondern ein Netz das dich testet.

Gleitschirm im Tal ohne Infrastruktur

Das Val Müstair hat keine Gleitschirmschule, keinen organisierten Startplatz, kein Seilbahn-Zustieg der auf einen Startplatz hinweist. Was es hat: eine Thermikökologie die durch die Südhangexposition und die nationale Parkzone eine Qualität entwickelt, die kein Kommerz verfälscht hat.

Wir sind von Santa Maria auf 1'375 Metern auf die Südhänge geständer und haben dort einen Startplatz gefunden, den man nur findet wenn man ihn sucht. Keine Windsocke, kein Schild. Ein offener Hang, Südexposition, genug Grösse für einen sicheren Start, und das Inntal darunter das als Landegebiet taugt wenn du den Einflug rechtzeitig planst.

Der Flug hat 25 Minuten gedauert. Die Thermik kam von den Felshorizontächen über dem Nationalpark, spät am Nachmittag, stabil. Wir haben es nicht höher als 800 Meter über Start geschafft. Das war genug, um zu sehen, was das Val Müstair von oben ist: ein grüner Riegel zwischen zwei Welten, der beschlossen hat, in Ruhe gelassen zu werden.

Was nicht gestimmt hat

Der zweite Abfahrtstag hatte Regen. Nicht viel. Genug, um den Waldboden so aufzuweichen, dass der Trail durch den Arvengurt nördlich von Lü seinen Charakter veränderte: Was trocken Flow war, wurde nass zu einer Konzentrationsübung. Wir haben den sicheren Weg gewählt, sind auf der Forststrasse geblieben, und haben das als Orientierungstag verwendet.

Das Val Müstair ist kein Schlechtwettergebiet. Es ist ein Schönwettergebiet, das sich im Regen schön genug hält, um nicht zu enttäuschen — aber nichts herausgibt, was man nicht bei trockenem Boden bekommt.

Warum man zurückgeht

Weil 150 Kilometer in zwei Tagen nicht zu schaffen sind. Weil die Südseite des Tals andere Trails hat als die Nordseite, und weil man beim ersten Mal nur die Nordseite versteht. Und weil das Klöster Müstair — rätoromanisches Weltkulturerbe, karolingische Fresken im Innenraum — am ersten Tag keine Zeit hatte und am zweiten Tag ebenso wenig.

Das ist kein Versagen. Das ist der Grund für ein zweites Mal.

Highlight

Val Müstair, Graubünden. Erreichbar über den Ofenpass oder von Südtirol über Glurns. Postauto erschliesst das Tal lükenlos — kein Mietwagen nötig. 150 Bikekilometer, grob 50 davon als Singletrack. Beste Zeit Juni bis September. Unterkunft in Müstair oder Santa Maria. Gleitschirm: kein organisierter Betrieb — eigene Beta-Recherche Pflicht.