Das Briefing beginnt um 9 Uhr morgens, auf einer Terrasse mit Blick ins Drautal. Der Instruktor zeigt auf die Berge, dann auf das Emagramm, dann auf dich. Und sagt: heute lernst du, wie Thermik in Kärnten funktioniert. Dann trinkt er seinen Kaffee aus.
Greifenburg liegt im Drautal, Osttirol, zwischen Millstätter See im Osten und Lienzer Dolomiten im Westen. Das Paragliding-Camp dort — einer der ältesten organisierten XC-Plätze im deutschsprachigen Raum — hat seit Jahrzehnten Piloten aus ganz Europa versammelt, die verstehen wollen, wie man weit fliegt, nicht nur hoch.
Was das Drautal thermisch macht
Das Drautal ist ein Längental — es zieht von Südwest nach Nordost, und diese Ausrichtung hat Konsequenzen. Die Südhänge der Gailtaler Alpen im Norden und die Nordhänge der Karnischen Alpen im Süden heizen sich morgens unterschiedlich schnell auf. Das erzeugt eine Konvergenzlinie über dem Talgrund, die sich mit der Zeit nach oben verschiebt.
Was das praktisch bedeutet: zwischen 11 und 13 Uhr hat das Drautal eine Thermikstruktur, die für XC-Piloten ideal ist — gleichmässig, hoch (Basen bis 2'800 Meter in guten Wochen), und durch die Tallage ablesbar. Du siehst die Wolken vor dir, du liest die Reihenfolge, du planst die Linie.
Das klingt einfacher als es ist.
Fehler Nummer eins: zu früh
Am zweiten Tag wollten wir früh starten. Das Fenster für den Startplatz Gitschtal öffnet sich zuverlässig um 10:30 Uhr. Wir waren um 9:45 oben.
Fünfundvierzig Minuten Wartezeit auf einem exponierten Bergstart sind sehr lange, wenn der Wind noch nicht entschieden hat. Die Leinen vibrieren, der Schirm rollt, und du weisst, dass starten falsch wäre — aber der erste Kaffee ist schon zwei Stunden her und der Hunger macht das Urteil unscharf.
Wir haben gewartet. Um 10:35 war die Strömung sauber. Um 10:36 war der erste Pilot in der Luft. Um 11:30 hatten wir die erste Thermikbasis erreicht und 40 Kilometer Strecke vor uns.
Das Warten war die richtige Entscheidung. Das weisst du immer hinterher.
Was XC fliegen ist — und was nicht
Streckenflug ist kein Freestyle. Du fliegst nicht nach Gefühl, du fliegst nach Logik — und die Logik ist lernbar. Der Kern: Thermik entsteht dort, wo der Boden sich stärker erwärmt als die Umgebung. Dunkle Felder, Felsen, Strassen, Dörfer — alle produzieren mehr Wärme als Wald oder Wasser. Die warme Luft steigt auf, kühlt ab, erreicht den Taupunkt, bildet eine Kumulus-Wolke.
Der Pilot folgt diesem System. Er sucht die Wolke, kreist im Aufwind, gewinnt Höhe, gleitet zur nächsten Wolke. Das klingt wie ein einfaches System. Es ist eines — aber das einfache System auf 2'000 Metern über dem Drautal mit wechselndem Wind, unbekannten Landefeldern und einer Gruppe anderer Piloten die andere Entscheide treffen: das ist wo Fliegen beginnt, ein eigenes Denken zu verlangen.
Im Camp in Greifenburg lernst du dieses Denken strukturiert. Briefing morgens, Flug mittags, Debriefing abends. Was hat die Gruppe gesehen? Was hat jemand richtig gemacht? Was war der Fehler, der auf einem späteren Flug teuer wird?
Der Tag mit 80 Kilometern
Es gibt Tage in Greifenburg, an denen du startest und vier Stunden später in einem Dorf landest, das du noch nie gehört hast. Jemand aus der Gruppe holt dich ab, du fährst zurück, und beim Abendessen erzählst du die Strecke mit den Händen in der Luft.
Das war ein Mittwoch im Juli. Die Cumuli standen ab 11 Uhr wie Uhrzeiger über dem Drautal, gleichmässig verteilt, alle 8 bis 10 Kilometer ein neuer Aufwind. Der Wind aus Westsüdwest hat den Schirm die ganze Zeit ein wenig geschoben, und wir sind mit dem Wind geflogen, nicht gegen ihn.
80 Kilometer. Das ist für die Alpen kein Rekordflug. Aber es ist der erste Flug, bei dem du weisst: das habe ich gelesen, das habe ich entschieden, das habe ich geflogen.
Das ist kein kleines Ding.
Praktisches
Das Gleitschirmcamp Greifenburg liegt in der Ortschaft Greifenburg, Kärnten, im Drautal. Anreise über Villach (50 km) oder von Lienz (30 km). Startplatz Gitschtal auf ca. 1'600 Metern, Landefeld im Tal. Camp läuft meistens als Wochencamp, Anfang bis Ende Juli. Für EN-B-Piloten mit Grundthermik-Erfahrung geeignet — kein Anfängerkurs, aber auch kein Wettkampf. Unterkunft in Greifenburg oder im Camp selbst.

